IG-BCE-Jugendforum Nordost

Flashmob und Facebook gegen Rechts

Was haben eine Weltkugel, Gummibärchen und ein Rap-Song mit Rechtsextremismus zu tun? Sie sind Teil des Projekts „Wir kreativ gegen Nazis“, mit dem das IG-BCE-Landesbezirksjugendforum Nordost jetzt den ersten Preis im bundesweiten Wettbewerb „Die Gelbe Hand“ des Vereins „Mach meinen Kumpel nicht an!“ geholt hat. 

Nico Herzog

Gelbe Hand - Preisverleihung 2015 Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (links) mit dem Vorsitzenden des "Kumpelvereins" Giovanni Pollice und den Preisträgern vom IG-BCE-Landesbezirksjugendforum Nordost.

Mitten auf dem Marktplatz fliegt eine Weltkugel von anderthalb Metern Durchmesser durch die Luft – als Spielball zwischen jungen Leuten in Maleranzügen, auf denen die Flaggen der europäischen Mitgliedsstaaten prangen. Den verwunderten Passanten drücken sie kleine Gummibärchen-Tüten mit angehefteten Postkarten in die Hand, darauf der Slogan „Gegen Rassismus: Sei wie ein Gummibärchen!“, und die Erklärung: „Sie sind bunt! Sie schließen niemanden aus! Sie leben friedlich zusammen! Sie sind in der ganzen Welt willkommen!“ Und die Rückseite der Postkarte fordert zur Teilnahme an der Europawahl auf. So geschehen in Berlin, Cottbus, Halle und Leipzig im vergangenen Jahr.

Diese Flashmob-Aktionen waren die Aufsehen erregendsten Ergebnisse des Projekts „Wir kreativ gegen Nazis“, mit dem das IG BCE-Landesbezirksjugendforum Nordost jetzt den ersten Preis im bundesweiten Wettbewerb „Die Gelbe Hand“ des Vereins „Mach meinen Kumpel nicht an!“ geholt hat. Bei der Preisverleihung am 25. März in Hannover betonte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil in seiner Laudatio: „Ihr zeigt, dass ehrenamtliches Engagement viele Steine ins Rollen bringen kann. Euer Ideenreichtum ist beeindruckend!“

© Nico Herzog / IG BCE

Denn die 27 Projekt-Teilnehmer haben in fünf Kleingruppen auch T-Shirts, Postkarten und Sticker entworfen, Filme gedreht, eine Facebook-Seite erstellt und einen Rap-Song geschrieben, der bei der Preisverleihung live für Stimmung sorgte. Alles an einem Wochenende, zu dem sich die Truppe Anfang 2014 in einem Magdeburger Hotel getroffen hatte. „Es war toll, wie schnell die Gruppe zusammengewachsen ist und was wir alles geschafft haben“, berichtet Evi Cimander, die bei BASF in Berlin arbeitet. „Die Flashmob-Aktion auf dem Alexanderplatz war total cool. Trotz schlechten Wetters haben wir viele Leute erreicht. Die Europawahl war denen vielfach gar nicht im Bewusstsein. Oder ihnen war nicht klar, ob sie überhaupt wählen dürften.“ Die 22-Jährige hat auch an der Facebook-Seite „Denken: Kunterbunt“ mitgearbeitet und ist mit der Resonanz zufrieden: „Wir haben über 180 Likes bekommen.“

Tina Malmquist aus Magdeburg hat am Projektwochenende den Rap-Song „Du bist Mensch“ mitentwickelt. Sein Refrain lautet: „Seid mit dabei! Ja, wir sind weltoffen. Unsere Generation ist gegen die Apartheid, gegen Ausländerhass und unnötiges Leid. Denn du bist Mensch.“ Den Vortrag übernimmt der Rapper Lars Katzmarek, der in Cottbus bei Vattenfall tätig ist. Ihm ist es auch als Künstler wichtig, sich in seiner Musik gegen Rassismus zu äußern und politische Themen auf den Punkt zu bringen.

Vor der kreativen Arbeit in Kleingruppen stand die gemeinsame Analyse von rechten Symbolen in der Mode, versteckter Propaganda in der Jugendkultur, beeinflussenden Parolen der Pegida-Bewegung und eigenen Erfahrungen aus dem Alltag. Von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zwischen 16 und 32 Jahren haben einige selbst einen Migrationshintergrund. „Bei uns im Betrieb sind keine rechten Parolen zu hören, in der Straßenbahn aber schon“, erzählt die 25-jährige Tina, die bei den Stadtwerken Magdeburg arbeitet. „Durch das Projekt können wir alltägliche Sprüche kritischer hinterfragen und haben Argumente gegen Pegida.“

Initiatorin des Projekts „Wir kreativ gegen Nazis“ war Nele Rüter, die für ihre Ausbildung zur Gewerkschaftssekretärin als Trainee von Westfalen nach Berlin gezogen war. „Ich habe damals erlebt, dass das Miteinander verschiedener Kulturen in Nordostdeutschland nicht so selbstverständlich war wie ich es gewohnt war“, erzählt die 24-Jährige. Besonders in den ländlichen Gegenden habe es eine Menge Nazi-Aufmärsche gegeben und in den Städten die großen Pegida-Demonstrationen.

Die Ergebnisse ihres Projekts tragen nun alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen zurück in ihre Betriebe und Heimatorte – sowohl die materiellen wie Sticker und Postkarten als auch die ideellen Erkenntnisse und Argumente. „Auf Veranstaltungen der IG BCE habe ich zum Beispiel das T-Shirt unserer eigenen Marke ‚Crew for Acceptance‘ getragen und bin dadurch mit vielen ins Gespräch gekommen“, erzählt Evi Cimander. Bilder, Musik und Filme werden weiter übers Internet verbreitet.

Nele Rüters Nachfolger Anis Ben-Rhouma führt das Engagement gegen Rechts in die Zukunft: „Mir ist wichtig, dass dieses Projekt keine Eintagsfliege bleibt.“ Er will neue Bündnispartner gewinnen und Strukturen schaffen, um die Betriebe im Bezirk Nordost direkt anzusprechen und einzubeziehen. „Unsere große Hoffnung ist es, noch viel mehr Menschen zu erreichen. Ihnen die Augen zu öffnen und sie zu motivieren, sich an unseren und anderen Aktionen gegen Rassismus zu beteiligen“, heißt es in der Bewerbung für den Wettbewerb „Die Gelbe Hand“. Das hat die Jury überzeugt.

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