Garten

Alles im grünen Bereich

Auszeiten sind im Alltag wichtig. Glücklich ist, wer einen Rückzugsort zum
Entspannen hat – zum Beispiel einen Kleingarten. Kompakt hat über den Zaun geschaut.

Jens Schulze

01.07.2016
  • Von: Katrin Schreiter

Leise rauscht der Feierabendverkehr über die nahe B 184, rhythmisch klappern die Würfel im Becher, über die Baumwipfel fliegt majestätisch ein großer Kranich hinweg. Gerd Motscha schaut kurz nach oben. »Der landet bestimmt an einem der kleinen Gartenteiche«, sagt er. Seine Frau Bettina nickt und lacht. »Kein Wunder«, sagt sie. »Dem gefällt es auch hier.«

Gerd und Bettina Motscha sind Schrebergärtner im Delitzscher Kleingartenverein »Altes Lobertal«. Am liebsten sitzen die beiden Sachsen vor ihrer Laube und spielen Kniffel. Manchmal auch Mensch ärgere Dich nicht. »Nach unseren eigenen Regeln – damit es spannend bleibt«, scherzt Gerd Motscha, der bei der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau- Verwaltungsgesellschaft (LMBV) für die Sanierungsarbeit in den einstigen Tagebaugebieten Westsachsens verantwortlich ist. »Im Büro lasse ich mich längst nicht mehr von jedem ärgern.«

Abschalten und ausspannen, spielen und stricken, lesen und im Pool baden – und ja, auch ein wenig gärtnern. »Unser Garten ist unsere Freizeitoase«, sagt Bettina Motscha, die als Sachbearbeiterin bei der LMBV arbeitet. »Ein kleines Paradies, das wir uns geschaffen haben.« Die 50-Jährige erinnert sich an die Anfänge: »1989 war das hier Unkrautacker und Müllabladeplatz – und trotzdem waren wir glücklich. Wir hatten schon so lange auf einen Garten gewartet . . .«

Wie für Auto und Telefon musste man sich zu DDR-Zeiten auch für einen Garten anmelden – und sich gedulden, bis man an der Reihe war. »Wir haben damals mit unseren beiden Kindern in einem Neubaublock gewohnt«, erzählt Gerd Motscha. »Die Parzelle war für die Familie ein Stück Freiheit.« Natur, Spielplatz, aber auch Vitaminlieferant. »Wir haben Erdbeeren angebaut, Pfirsiche und Kirschen geerntet – alles, was man früher nicht so einfach in der Kaufhalle kaufen konnte«, erinnert sich seine Frau, die deshalb kiloweise Obst eingekocht hat.

Heute haben die beiden IG-BCE-Mitglieder ihren Anbau eingeschränkt. Alles zum Gleichessen – so ihr Motto. Keine Vorratswirtschaft mehr. An Anziehungskraft hat der Garten allerdings nichts verloren: »Freitag nach der Arbeit geht’s raus, Sonntagabend dann nach Hause«, sagt Gerd Motscha, der von der Gegend schwärmt, die einst Braunkohlengebiet war. Dort, wo vor Jahren noch Bagger schaufelten und Förderbänder schnurrten, ist jetzt Naherholungsgebiet wie zum Beispiel der Neuhauser See. »Zehn Minuten Fußweg – und schon sind wir dort«, rechnet der 54-Jährige vor. Was ist geblieben von den alten Zeiten? »Unser Gartenzwerg«, sagt Bettina Motscha. »Der soll ja aufpassen, dass nichts passiert . . .« Ein zuverlässiger Wicht. Selbst als ihr Mann mal vom Kirschbaum in den Pool gefallen sei, soll er Schlimmeres verhindert haben.

Schrebern Ist in. Die Statistik bestätigt das: In Deutschland begrünen etwa fünf Millionen Menschen in etwas mehr als einer Million Kleingärten ihre eigene Scholle. Das Spießerimage hat das Gärtnern dabei weitestgehend abgelegt. Ausgerichtete Rasenhalme und Blumenampeln? Richard Fuhrmann schüttelt lachend den Kopf. Der 70-Jährige will sein Reich zwischen Blumenbeet und Beerenstrauch nicht perfekten Maß- stäben unterordnen. »Bei uns muss man nicht die Füße abputzen. Hier wächst auch mal Unkraut «, sagt der Rentner, der lange Zeit bei BASF als Elektriker gearbeitet hat. Fuhrmann, der seit 50 Jahren IG-BCE-Mitglied ist, verbringt sehr viel Freizeit im Ludwigshafener BASF Kleingartenbauverein. Die Anlage, die unweit des Werkgeländes liegt, umfasst eine Fläche von zehn Hektar, eingeteilt in 221 Parzellen – die meisten ihrer Kleingärtner sind oder waren BASF-Mitarbeiter. Das Unternehmen unterstützt den Verein finanziell, wenn es um Veranstaltungen geht und die Infrastruktur erhalten werden muss.

Der BASF Kleingartenbauverein wurde 1912 gegründet. »Während der beiden Weltkriege wurden die Gärten von kinderreichen Familien landwirtschaftlich genutzt, um deren Ernährung sicherzustellen «, erklärt ein Unternehmenssprecher. Heute gehe es um »die Beschäftigung mit der Natur«, heißt es weiter, und um »Raum zur aktiven Erholung«. Erholung steht auch für Richard Fuhrmann im Vordergrund: »Ich stehe am liebsten am Grill oder lege mich auf die Liege«, erzählt er und verrät augenzwinkernd: »Im grünen Wohnzimmer lasse ich meine Frau arbeiten.«

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