Gesundheitswebsites

Sprechstunde bei Dr. Google

Immer wieder wird davor gewarnt, sich im Internet über Krankheiten zu informieren. Trotzdem machen es die meisten User. Kompakt erläutert, welche Risiken und Nebenwirkungen solch eine Selbstdiagnose haben kann.

Jane_Kelly/istock

04.11.2016
  • Von: Katrin Schreiter

Doch dann schüttelt die 48-Jährige den Kopf: Ausgeschlossen, überlegt sie. Schließlich kommt sie gerade von einem ausgedehnten Spaziergang. Kerstin Klose beginnt, die Angelegenheit genau zu beobachten: zuerst beim Laufen, dann beim Stehen, schließlich beim Sitzen und bei gezielten Bewegungen. Fuß strecken, Fuß beugen, Fuß ruhig halten – das Kribbeln bleibt.

Wo liegt das Problem, fragt sich die sportliche Berlinerin besorgt und beschließt, im weltweiten Ärztenetz nach einer Diagnose zu suchen. Schließlich kann die Ferse zu einem echten Problem werden . . . Wie war das noch mal bei Achilles, dem Helden aus der griechischen Mythologie? Fiel er nicht im Kampf um Troja, nachdem er an der Ferse – seiner einzigen verwundbaren Stelle – von einem tödlichen Pfeil getroffen wurde?

Also ein Fall für den Notarzt? Kerstin Klose winkt ab. Troja – alte Göttergeschichte! Es wird schon nicht so gefährlich sein, dass man sich gleich stundenlang in irgendein Wartezimmer setzen muss. Sie entscheidet sich dafür, das zu tun, was jeder zweite Internetnutzer macht: Sie recherchiert in der immer geöffneten www-Praxis und befragt das mehr oder weniger praktizierende Ärztenetzwerk.

Dr. Google »überweist« sie als Erstes zum Netdoktor (www.netdoktor.de). »Fersenschmerzen können sehr unterschiedliche Ursachen haben«, heißt es da: knöcherne Auswüchse, Entzündung der Sehnenplatte, Schleimbeutelentzündung. Schleimbeutelentzündung? Zum Kribbeln gesellt sich ein spontaner Schweißausbruch. Schnell weiterklicken . . . Die Apotheker-Umschau (www.apotheken-umschau.de) schreibt: »Überlastungsschäden an der Achillessehne sind bekannte Schwachstellen.« Und: »Auch Reizungen der Fußsohlensehne . . . spielen bei Fersenschmerzen eine wichtige Rolle.«

Und was sagen die Foren zu Ursache und Diagnose? Uff – leider jede Menge! Zu enge Stiefel, eingewachsene Fußnägel, Vitamin-D-Mangel, Bandscheibenvorfall, Rheuma, Krebs . . . Krebs?! Kerstin Klose schleppt sich entkräftet zum Bett und lässt sich in die Kissen fallen. Fest steht bis jetzt, dass Dr. Google vor allem Zeit und Nerven beansprucht – und Kraft raubt.

Am nächsten Morgen humpelt die 48-Jährige besorgt zu ihrem Hausarzt. Seine erste Frage: »Tragen Sie immer diese Schuhe?« Nach einem verwunderten »Ja . . .«, erklärt der Mediziner: »Die sind zu flach und haben eine viel zu harte Sohle.« Nicht nur High Heels sind schädlich für die Füße, erfährt Kerstin; und auch, wie wichtig ein ordentliches Fußbett ist. Kerstin Klose ist erleichtert. Für ihre Ohren klingt das eindeutig gutartig. Zu Hause setzt sie sich direkt an den Computer. Denn mit dieser Diagnose kann sie sich guten Gewissens ein paar neue Schuhe bestellen. Ihr Hausarzt hat ihr das ja gewissermaßen verordnet.

Nach oben