Tendenzen Gips

Schnell zu bauen

Überschaubar aber unverzichtbar: Die Gipsindustrie liefert Materialien, die bei fast jedem Haus verbaut sind. Schwierig ist die Sicherung des Nachschubs an Rohstoffen.

Michael Bader

Abbau von Naturgips bei Knauf in Rottleberode im Südharz.
02.05.2017
  • Von: Wolfgang Lenders
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Gips kennt jeder. Wer schon mal einen Dachboden ausgebaut oder eine Zwischenwand in seiner Wohnung gesetzt hat, weiß, wie schnell sich mit Gipskartonplatten Wände einziehen und Decken abhängen lassen. Gipskartonplatten, Gipsfaserplatten und Fertigestrich haben einen großen Vorteil: Beim Bauen wird fast kein Wasser verwendet. Während eine klassische Mauer erst einmal trocknen muss, kann eine Gipskartonwand nahezu sofort weiter bearbeitet, beispielsweise tapeziert werden.

Die Gipsindustrie in Deutschland ist übersichtlich. Gerade einmal zwölf Unternehmen gehören dem Bundesverband der Gipsindustrie an. In ihren 36 Werken arbeiten rund 4000 Menschen. Rund 4 Millionen Tonnen Gips und Anhydrid fördern die zwölf Unternehmen nach Angaben des Bundesverbands im Jahr, insgesamt verarbeiten sie 6 Millionen Tonnen Rohstoffe.

Zurzeit wird viel gebaut, Investoren stecken ihr Geld in neue Wohn- und Bürohäuser und auch Altbauten werden saniert. Bei nahezu jedem dieser Bauvorhaben kommen Produkte der Gipsindustrie zum Einsatz. Was sich positiv auf den Absatz auswirkt: "Seit einem Jahr arbeiten wir in der Gipskartonproduktion im Vier-Schicht-Betrieb", berichtet Roland Flügel, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Knauf in Rottleberode im Südharz.

Doch dass viel produziert wird, heißt nicht, dass die Firmen an den Gipskartonplatten viel verdienen. "Der Konkurrenzdruck ist recht groß", sagt Achim Beckmann, Betriebsrat bei Saint-Gobain im niedersächsischen Bodenwerder. Dies liege unter anderem daran, dass es Überkapazitäten gebe. "Margen und Geld bringen die Nischenprodukte." Dazu zählen etwa Gipsfaserplatten und Trockenestrich. "Man versucht, die klassische Gipskartonplatte weiterzuentwickeln." Knauf etwa hat im vergangenen Jahr in Rottleberode eine neue Anlage für Gipsfaserplatten in Betrieb genommen, dafür rund 30 Millionen Euro investiert und gut 60 neue Mitarbeiter eingestellt. Aber auch ein besonders guter Service ist ein Faktor am Markt: So beliefert etwa Knauf von Rottleberode aus Baustellen in ganz Deutschland schon einen Tag nach der Bestellung. Und nicht nur mit den vom Unternehmen selbst hergestellten Gipsprodukten, sondern auch mit zugekauften Teilen wie Schrauben, Winkeln und Werkzeug für den Trockenbau.

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Herstellung von Gipskartonplatten.

Im Südharz ist die Gipsindustrie ein wichtiger Arbeitgeber. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Econ GmbH) im Auftrag der Gipsindustrie hat ihre volkswirtschaftliche Bedeutung untersucht. Die Werke der drei Unternehmen CASEA GmbH, Knauf Deutsche Gipswerke KG und Saint-Gobain Formula GmbH haben laut Studie im Jahr 2014 in der Region Südharz eine Wertschöpfung von 28,6 Millionen Euro erzeugt. Dazu kommen noch einmal 19,2 Millionen Euro an indirekter Wertschöpfung, also zum Beispiel durch Aufträge der Unternehmen an Fremdfirmen und durch private Ausgaben der Beschäftigten. 326 Mitarbeiter beschäftigten die drei Firmen 2014 an ihren Standorten im Südharz. Weitere 348 Arbeitsplätze hingen laut der Studie indirekt an der örtlichen Gipsindustrie. Die Betriebe sind sich ihrer Bedeutung für die Region bewusst. So unterstützen die drei Firmen soziale, kulturelle und touristische Projekte. Zuletzt kamen laut DIW-Studie dabei mehr als 110 000 Euro zusammen.

Ein Problem der Unternehmen: neue Gipslagerstätten zu erschließen. "Das ist sehr schwierig", sagt Achim Beckmann. Im Südharz beispielsweise stießen die Bemühungen verschiedener Betriebe, neue Steinbrüche anzulegen, auf erbitterten Widerstand. So wird etwa am Winkelberg, der zur sogenannten Rüdigsdorfer Schweiz gehört, ein Naturschutzgebiet ausgewiesen – Gipsabbau ausgeschlossen. Dabei betreibt die Industrie großen Aufwand, um ehemalige Abbauflächen zu rekultivieren. Etwa in Südthüringen am Kohnstein, wo der Abbau bereits vor rund 100 Jahren begann.

Als Alternative zum Naturgips wird oft REA-Gips genannt, der aus den Abgasen von Rauchgasentschwefelungsanlagen (Abkürzung "REA") von Kraftwerken gewonnen wird. Dieser Gips hat eine sehr gute Qualität und stand lange in üppiger Menge zur Verfügung. Mit dem Rückgang der Kohleverstromung schrumpft jedoch auch diese Rohstoffquelle. Schon jetzt wird deutlich weniger produziert als noch vor einigen Jahren. Nicht nur, weil Kraftwerke in die Reserve gehen. Auch, weil zunehmend schwefelarme Kohle, zum Beispiel aus Australien, verbrannt wird. "Eigentlich ist jetzt schon nicht genügend da", sagt Knauf-Betriebsrat Flügel.

Fester Gips ist chemisch betrachtet Calciumsulfat-Dihydrat – also ein Salz, in dessen Kristallstruktur Wassermoleküle eingeschlossen sind. Durch Erhitzen wird Wasser entzogen, und es entsteht das bekannte Gipspulver. Setzt man nun wieder Wasser zu, bildet sich eine verzahnte Kristallstruktur mit ingeschlossenen Wassermolekülen – der feste Gips. Das Gute daran: Dieser Vorgang lässt sich grundsätzlich beliebig oft wiederholen – die perfekte Voraussetzung für Recycling.

Seit einigen Jahren treibt die Gipsindustrie Projekte zur Wiederverwertung von Gipsplatten voran, wie sie bei Umbauten aus Gebäuden wieder herausgerissen werden. An der Hochschule Nordhausen zum Beispiel läuft Forschung zu dem Thema. Bei Saint-Gobain hat man damit schon Erfahrung gesammelt. "Wir haben Großkunden, die können ihre Reste hier hinbringen", sagt Achim Beckmann. Die Gipsabfälle werden aufgemahlen und gebrannt. Verunreinigungen wie Tapetenreste sind dabei kein Problem. Langfristig soll dieser sogenannte RC-Gips neben Natur- und REAGips die dritte Säule der Rohstoffversorgung der Gipsindustrie werden.

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