Chemie-Tarifrunde

Entlastung für Ältere

Traditionell zur Weihnachtszeit zieht der Verband der Chemischen Industrie (VCI) Bilanz und stellt eine Prognose für das kommende Jahr. Die Zahlen aus Frankfurt lesen sich gut. Der Höhenflug hält an, zum fünften Mal in Folge meldet die Branche einen Umsatzrekord.

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Entlastung für Ältere
06.01.2015
  • Von: Michael Denecke

Die Produktion ist insgesamt auf hohem Niveau, erneut leicht gestiegen, ganz vorn bewegt sich die Pharmasparte mit einem Zuwachs von 5,5 Prozent. Besonders erfreulich:
Auch die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wächst – langsam, aber stetig. 442 500 Menschen sind in der Chemie beschäftigt, ein Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Grundstimmung bliebt optimistisch. Der VCI erwartet für 2015 ein Umsatzplus von 1,5 Prozent und einen Anstieg der Produktion um ebenfalls 1,5 Prozent. »Für das deutsche Chemiegeschäft wird es auch im kommenden Jahr moderat aufwärtsgehen«, fasst VCI-Präsident Marijn Dekkers die Ergebnisse der Erhebung zusammen. »Im Inland können wir auf die stabile Nachfrage unserer Kunden aus dem Industrienetzwerk vertrauen. In unserem wichtigsten Auslandsmarkt Europa zieht die Nachfrage weiter an. Das Geschäft mit den USA erweist sich als sehr gut. Damit dürften die Chemieausfuhren auch im kommenden Jahr weiter zulegen.«

Der VCI ist der Wirtschaftsverband der chemischen Industrie. Tarifverträge schließt er nicht ab, das ist Sache des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC). Beide Verbände vertreten die Interessen der Chefetagen.

Auffällig ist, dass die beiden Arbeitgeberverbände konjunkturelle Lagen häufig sehr unterschiedlich bewerten. Insbesondere vor und während der Tarifverhandlungen ist das der Fall. Auch in den Regionen herrscht mitunter Verwirrung. So konnte die hessische Regionalorganisation im November allen Ernstes keinen Verteilungsspielraum erkennen. Auf Deutsch: Eine Entgelterhöhung wird es nicht geben.

Eine ähnlich verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit herrscht bei ChemieNord. So verstieg sich diese Vereinigung zu der Behauptung, über 80 Prozent der Unternehmen gingen mit negativen Erwartungen ins kommende Jahr. Ein glatter Widerspruch zur Einschätzung des VCI.

Der IG-BCE-Tarifpolitiker Peter Hausmann nimmt das Getöse der Arbeitgeber gelassen zur Kenntnis: »Zu Schwarzmalereien besteht überhaupt kein Anlass, ganz im Gegenteil. Die chemische Industrie befindet sich nach wie vor in einer guten Verfassung, wichtige Richtungsanzeiger stehen im Plus.«

Bestätigt wird Hausmann von einer IGBCE- Umfrage unter rund 600 Chemie-Betriebsräten. Über 65 Prozent bewerten die aktuelle wirtschaftliche Lage im Betrieb als »gut« oder »sehr gut«. Dagegen läuft es in nur 9 Prozent der Unternehmen »schlecht« oder »sehr schlecht«. 26 Prozent der Betriebsräte gehen davon aus, dass es 2015 »besser« oder »wesentlich besser« wird als in diesem Jahr, 60 Prozent erwarten, dass die Lage gleich bleibt.

Die IG BCE geht mit einer Forderung zwischen 4 und 5 Prozent in die Tarifrunde, endgültig wird die große Tarifkommission darüber am 22. Januar entscheiden. »Die Zahlen verschiedener Wirtschaftsinstitute, des VCI und unsere eigenen Erhebungen untermauern unseren Kurs. Wir haben keinen Anlass, daran etwas zu ändern«, stellt Peter Hausmann fest.

Neben den Prozenten wird es um die Weiterentwicklung des Tarifvertrags »Demografie und Lebensarbeitszeit« gehen. Im Fokus steht dabei eine Entlastung für ältere Arbeitnehmer, die Gewerkschaft will Modelle zum gleitenden Übergang in den Ruhestand auf den Weg bringen. Auch hier zeigen neue Zahlen, dass die IG BCE den Nerv trifft. So hat der »DGB-Index Gute Arbeit« zutage gefördert, dass sich 60 Prozent der älteren Beschäftigten (ab 55) im verarbeitenden Gewerbe eine schrittweise Verringerung der Arbeitszeit wünschen. Besonders ausgeprägt ist dieses Anliegen in Beschäftigtengruppen, die hohen Belastungen ausgesetzt sind. Der Index fasst die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 5800 Beschäftigen zusammen. Der DGB-Befund deckt sich mit den Erkenntnissen aus der chemischen Industrie. Rund ein Drittel der Beschäftigten arbeitet in Schichtsystemen. Dass die ständigen Rhythmenwechsel und die zunehmende Arbeitsverdichtung alles andere als gesundheitsfördernd sind, wird durch zahlreiche Studien belegt. Laut Index gehen 43 Prozent der Befragten davon aus, dass sie ihre Tätigkeit unter den aktuellen Bedingungen vermutlich nicht bis zum Rentenalter werden ausüben können. Wer vorzeitig in Rente geht, muss jedoch Abschläge in Kauf nehmen – 3,6 Prozent im Jahr.

»Das kann nicht die Perspektive nach einem langen Arbeitsleben sein«, sagt der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. »Wir wollen bessere Rahmenbedingungen schaffen für Gute Arbeit. Wir wollen, dass die Leute gesund in Rente kommen und wir wollen, dass sie keine finanziellen Einbußen hinzunehmen haben.«

Für die Chemie-Arbeitgeber hat Vassiliadis ein klare Botschaft: Sie wären »gut beraten, mit uns gemeinsam Wege zur Vier- oder Drei-Tage-Woche für Ältere zu schaffen, statt Scheingefechte um pauschale Arbeitszeitverkürzungen zu führen, die niemand fordert«. Eine Möglichkeit, hier voranzukommen, bietet die Kombination tariflicher Teilzeitarbeit für Ältere mit einer Teilrente. Da ist selbstverständlich auch die Politik gefordert, sie muss den Reformbedarf bei der Teilrente auflösen. Mit Regelungen von anno dunnemals sind die Herausforderungen von heute nicht zu bewältigen. Die Bundesregierung hat zwar immerhin eine Arbeitsgruppe eingerichtet, so recht vom Fleck sind die Koalitionäre jedoch noch nicht gekommen. »Wir haben noch kein Ergebnis«, sagte Gabriele Lösekrug-Möller, Parlamentarische Staatsekretärin im Arbeitsministerium, auf einer IG-BCE-Fachtagung Anfang Dezember in Berlin.

Bei den Sozialdemokraten stoßen die Gewerkschaftsvorschläge durchaus auf offene Ohren, allerdings blockiert die Union aus sachfremden Gründen bislang alle Möglichkeiten, zu Fortschritten zu kommen. Die IG BCE wird dieses Thema nicht von der Tagesordnung nehmen. »Die Probleme und Herausforderungen sind da, durch Nichtstun werden sie nicht gelöst, da ändert sich überhaupt nichts. Wir bleiben dran«, verspricht Peter Hausmann.

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